Selbstverletzendes Verhalten ist ein stiller Hilferuf. Meist beginnt es im Jugendalter (zwischen 12 und 14 Jahren) und ist nicht suizidaler Natur, sondern Ausdruck tiefer seelischer Belastung.
Kinder haben noch keine ausgereifte Fähigkeit zur Selbstregulation. Jugendliche entwickeln sie erst schrittweise. Deshalb können sie belastende Gefühle wie Wut, Angst oder Scham oft nicht allein verarbeiten.
Nicht regulierbare Emotionen erzeugen innere Not und Anspannung. Ohne Unterstützung von außen – durch empathische Bezugspersonen – finden viele Kinder keinen anderen Weg, mit diesen Gefühlen umzugehen. Selbstverletzendes Verhalten wird dann zum Ausdruck innerer Überforderung.
Was ist selbstverletzendes Verhalten (SVV)?
- Formen: Ritzen, Verbrennen, Beißen, Haare ausreißen, Kopf gegen die Wand schlagen
- Häufigkeit: Etwa jeder vierte Jugendliche ist betroffen
- Intention: Kein suizidaler Wunsch, sondern emotionaler Ausdruck und Selbstregulation
Warum verletzen sich Jugendliche selbst?
- Abbau emotionaler Spannung
Körperlicher Schmerz löst Endorphine aus – das wirkt beruhigend und erleichternd.
- Sich spüren wollen
Das physische Gefühl bestätigt: „Ich bin da und ich fühle etwas.“
- Strafe für sich selbst
Bei negativem Selbstbild oder Depressionen dient SVV als Selbstbestrafung.
- Als Suchtverhalten
Wiederholter Drang, um belastende Gefühle zu kontrollieren – oft schwer ohne externe Hilfe.
Erkennen von Selbstverletzung
- Häufig versteckt, aus Scham oder Angst
- Verletzungen oft auf der linken Körperseite
- Hinweise: lange Kleidung bei warmem Wetter, auffällige Ausreden bei Verletzungen
- Eltern erkennen es oft zufällig oder über indirekte Signale
Einordnung für Eltern
- Gründe sind selten rational formulierbar
- Oberflächliche Auslöser sind oft nur Symptom – Ursachen liegen tiefer:
- Traumata in früher Kindheit
- Familiäre Konflikte
- Schwierigkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung
- Genetische oder psychische Faktoren
Wie sollten Eltern reagieren?
- Ruhiges Gespräch suchen, niemals drohen oder bestrafen
- Ernstnehmen statt bagatellisieren: Es handelt sich nicht um Trotz oder „Phase“
- Emotionales Auffangen: Geborgenheit, Zuwendung und einfühlsames Zuhören
- Fragen mit Gefühl: z. B.
„Wie fühlst du dich beim Umziehen im Turnunterricht?“
„Wie wichtig ist dir, was andere über deinen Körper sagen?“
- Wunden liebevoll versorgen: vermittelt Annahme und Fürsorge
Professionelle Hilfe
Medizinisch:
- Bei akuten oder schweren Fällen: ärztliche Begleitung, ggf. medikamentöse Unterstützung
Psychologisch/psychotherapeutisch:
- Gespräche mit Kind und Eltern
- Klientenzentrierte oder systemische Therapie
- Verhaltenstherapie, Spieltherapie
- EEG Neurofeedback
- Klinische Hypnotherapie
- Pädagogisch-psychologische Beratung